Reden wir über Planwirtschaft

Im Prinzip ist der gegenwärtige Kapitalismus eine krasse Erfolgsgeschichte. In keiner Epoche der Geschichte gab es je eine solche Menge an Lebensmitteln, verfügbar unabhängig von Jahreszeiten. Gab es je so viele Möglichkeiten, die eigene Wohnung einzurichten, sich zu kleiden, die Welt zu bereisen, sich weiterzubilden, Musik zu hören, gesund zu bleiben. Tag für Tag wird aus Fabriken rund um den Globus ein Warenstrom gespeist, der das ermöglicht und nie zu versiegen scheint. Wenn in den zurückliegenden Jahrtausenden Märchen über ein Schlaraffenland, einen Garten Eden erzählt wurden – der Kapitalismus hat diese Märchen Realität werden lassen. Womit hat er das geschafft? Die Antwort lautet: indem Kapital auf Märkten in einen Wettbewerb geht. Dabei werden Ressourcen äußert effizient in Millionen unterschiedliche Produkte umgesetzt, die wiederum äußerst effizient menschliche Bedürfnisse befriedigen. Sogar Bedürfnisse, von denen die Menschen kurz zuvor noch gar nichts wussten.

Im Prinzip ist der Kapitalismus also eine krasse Erfolgsgeschichte. Es sei denn, man lebt in einem Karibikstaat, der von immer heftigeren Tropenstürmen heimgesucht wird, verschärft durch den Klimawandel. Oder in einem Landstrich, der zwischen Dürren, Waldbränden und Überschwemmungen pendelt. Oder in einer Region, die von Rohstoff- oder Drogenkriegen heimgesucht wird. Oder in einer Stadt, in der plötzlich drei Jobs nicht mehr reichen, um die Miete zu zahlen und noch gut über die Runden zu kommen.

So war das eigentlich nicht vorgesehen. Die Wirtschaftswissenschaft ist immer davon ausgegangen, dass sich alle Akteure am Markt – Produzenten ebenso wie Konsumenten – rational verhalten. Dass die Summe ihres Wissens wie von einer „unsichtbaren Hand“ geleitet die beste aller Welten hervorbringt. „On the long run“, langfristig jedenfalls. Kein Hunger, keine Not mehr.

Als der Realsozialismus 1990 in sich zusammensank wie ein Soufflé, schien das den Verfechtern des Kapitalismus recht zu geben. Mit dem Zusammenbruch der Finanzmärkte im Crash von 2008 hat sich dann doch Skepsis breit gemacht, ob das mit der besten aller Welten wirklich hinhaut, wenn man sich nur auf Kapital, Märkte und Wettbewerb verlässt. Und nicht für die Zukunft plant.

Nun ist planen, erst recht in Deutschland, ein böses Wort. Dazu gibt es einen schönen Witz, den man sich in der alten DDR erzählte, die jede Menge Humor hatte. Er geht so: Ein Altes Mütterchen wendet sich in Ost-Berlin an einen Volkspolizisten. „Entschuldigen Sie bitte, wo ist denn das Kaufhaus ‚Prinzip‘?“ Der wundert sich und meint: „So ein Kaufhaus gibt es hier gar nicht.“ Darauf sie: „Das muss es aber geben. Unser Staatsratsvorsitzender Erich Honecker hat doch gesagt, dass es im Prinzip alles zu kaufen gibt.“

In der DDR, wie im ganzen sogenannten Ostblock, hatte man sich darauf verlassen, die Wirtschaft zu planen. Also gerade nicht auf Kapital, Märkte und Wettbewerb zu vertrauen. Da kam bekanntlich nicht die beste aller Welten heraus. Nicht einmal im Prinzip. Und nun? Weiter ohne Plan?
Seit einiger Zeit sind mehr und mehr Stimmen zu vernehmen, die das böse Wort doch wieder in den Mund nehmen. Und damit eine Debatte haben aufleben lassen, die vor 100 Jahren schon einmal geführt wurde. Damals ging es um das „Socialist Calculation Problem“ – das sozialistische Berechnungsproblem.

Zwei Ereignisse hatten damals die industrialisierte Welt damals erschüttert: der Erste Weltkrieg und die Oktober-Revolution in Russland. Der Erste Weltkrieg hatte Millionen Opfer gefordert und die Volkswirtschaften der Kriegsparteien mehr oder weniger ruiniert. In der russischen Revolution hatten erstmals in der noch jungen Epoche des Industriekapitalismus die Kommunisten unter Lenins Führung die Macht übernommen. Sie brachen mit der überkommenen Gesellschaftsordnung, schafften das Privateigentum an Produktionsmitteln ab und führten schrittweise eine Planwirtschaft ein. Das Gespenst, das Marx und Engels im Kommunistischen Manifest beschworen hatten, war plötzlich äußerst lebendig und real, dass es liberale Ökonomen gruselte.

Sie versuchten nun nachzuweisen, dass eine Planwirtschaft in einem Staat mit Millionen Einwohnern nie großen Wohlstand hervorbringen kann, ja sogar theoretisch ein Ding der Unmöglichkeit ist.

„Die Wirtschaftsleitung mag genau wissen, was für Güter sie am dringendsten benötigt. Aber damit hat sie erst den einen Teil des für die Wirtschaftsrechnung Erforderlichen gefunden“, argumentierte der österreichische Ökonom Ludwig von Mises 1921. „Den anderen Teil, die Bewertung der Produktionsmittel, muß sie entbehren.“ Warum? Weil es in einer Planwirtschaft keine Preise gebe, um eine solche Bewertung vorzunehmen.

Das zweite Argument brachte Friedrich August Hayek, ebenfalls ein Vertreter der Österreichischen Schule, vor: „Das wirtschaftliche Problem der Gesellschaft ist somit nicht nur ein Problem der Verteilung ‚gegebener‘ Ressourcen“, schrieb er. „Es ist ein Problem der Nutzung von Wissen, das niemandem in seiner Gesamtheit gegeben ist.“

Anders gesagt: Jede Planwirtschaft hat ein Berechnungs- und ein Datenproblem. Hayek und andere betonten zudem, dass sie keine Innovationen hervorbringen könne. Denn ohne Märkte gibt es keine Anreize für Innovationen.

Was die Kommunistische Partei der Sowjetunion in Gang setzte, schien ihnen recht zu geben. Die Planungsbehörden der sozialistischen Staaten schafften es nie, realistische Pläne aufzustellen, mit deren Hilfe derselbe Wohlstand wie in den kapitalistischen Ländern erreicht werden konnte. Dabei gab es durchaus erfolgreiche Phasen. Der Sowjetunion gelang in den dreißiger Jahren eine beachtliche Industrialisierung, die im Zarenreich weitgehend gefehlt hatte – allerdings um den Preis von Millionen Hungertoten, die Stalin in Kauf nahm. Das sowjetische Raumfahrtprogramm der fünziger und sechziger Jahre war anfangs überlegen: der erste Satellit, der erste Mensch im All kamen aus der Sowjetunion. Aber dann fiel sie mehr und mehr zurück. Die Weiterentwicklung einer eigenen Computertechnik wurde in den siebziger Jahren aufgegeben. Während der Konsum im Westen boomte, blieb er im Osten bescheiden (siehe Grafik 2).

Das lag nicht daran, dass es in den sozialistischen Ländern keine klugen Köpfe gegeben hätte. Im Gegenteil: Auch sie hatten brilliante Wissenschaftler und Ingenieure, die ihren Kollegen im Westen allemal das Wasser reichen konnten. Es war die Planung, die nicht funktionierte. In der DDR etwa gab Jahres-, Fünjahres- und langfristige Perspektivpläne, die von der Staatlichen Plankommission erstellt wurden. Zwar flossen jedesmal Vorschläge der Betriebe und Kombinate mit ein. Dort war ja wertvolles Knowhow in den Köpfen der Arbeiter versammelt. Aber nach den langwierigen Diskussionen, die dann folgten, „wichen die Inhalte der Pläne oft von den Vorschlägen der unteren Wirtschaftseinheiten ab“, stellen Klaus Steinitz und Dieter Walter in einer umfassenden Analyse fest. „Daraus ergab sich wiederum die Konsequenz: Die Planaufgaben wurden als etwas von oben Auferlegtes angesehen.“ Umso mehr, als auch noch das Politbüro der Plankommission reinredete. Es war ein großes Durcheinander: Die Jahrespläne gingen nicht auf, ihre Ziele entpuppten sich als unrealistisch, es mussten überall Löcher gestopft werden, und die Perspektivpläne hinkten irgendwann vollends der Realität hinterher. Unzufrieden mit den Ergebnissen waren alle. 1990 war Schluss mit diesem Langzeitexperiment.

Das hätte dann das „Ende der Geschichte“ sein können, wie es damals der US-Politikwissenschaftler Francis Fukuyama behauptete. Ist es aber nicht gewesen. Zum einen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich geworden, dass Märkte leider nicht so optimal funktionieren, wie es von Mises und Hayek glauben machen wollten.

Bereits 1920 hatte der britische Ökonom Arthur Cecil Pigou darauf hingewiesen, dass die „unsichtbare Hand“ des Marktes nicht nur Wohlstand hervorbringt. Sondern auch: jede Menge Dreck. Die Umwelt- und Luftverschmutzung in den Industrieregionen war damals unübersehbar. In den Preisen, die Hersteller für ihre Produkte aufriefen, fand die sich allerdings nicht wieder. Märkte konnten Kosten für Stahl, Maschinen und Arbeitskraft verarbeiten – nicht jedoch Umweltkosten. Pigou schlug als erster eine Steuer vor, die Fabrikanten zum Umdenken bringen sollte. Wer sauber produziert, zahlt sie nicht. Wer weiterhin Dreck und Abgase in die Umwelt entlassen will, soll sie zahlen.

Über ein Jahrhundert später ringt die Menschheit mit der größten aller „Externalitäten“, wie Pigou diese negativen Effekte nannte: dem Klimawandel. In die Atmosphäre hat die Industrialisierung inzwischen so viele Treibhausgase gepumpt, dass die durchschnittliche Temperatur auf der Erde steigt und extremes Wetter überall auf der Welt zunimmt. Zum Schaden nicht nur der Menschen, sondern auch der Tier- und Pflanzenwelt.

Hätte Hayek mit seiner Vermutung recht gehabt, wäre das Wissen darum längst in die Märkte und die Preise eingesickert. Das Drei-Liter-Auto wäre Anfang der 2000er Jahren ein Hit, das E-Auto viel früher serienreif geworden. Stattdessen kam es zum Boom der SUVs: schwere, Ressourcen-intensive Autos, die jede Menge Sprit schlucken. Strom aus Braunkohle würde der Vergangenheit angehören, Lützerath stünde noch. Es gibt viele solcher Beispiele. Der gegenwärtige Kapitalismus produziert, als gebe es kein Morgen. „Wir brauchen aber Preise, die die ökologische Wahrheit sagen“, sagt Markus Wissen, Umweltökonom an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin. Zwar würden Ökonomen versuchen, mit neuen Modellen Märkte zu berechnen, die Umwelteffekte berücksichtigen. Doch die seien viel zu abstrakt, sagt Wissen. „Das kann so nicht funktionieren.“

Reden wir noch einmal über Wirtschaftsplanung. Der Misserfolg des Realsozialismus sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass Planen zu allen Zeiten Teil des Wirtschaftens war. Die Palastwirtschaften des Altertums planten bereits, was angebaut und hergestellt werden sollte. Und wo Krieg herrschte, wurde immer geplant. Selbst in den beiden Weltkriegen, den großen Schlachten des Industriezeitalters, verließen sich die kriegführenden Staaten nicht auf die unsichtbare Hand des Marktes. Sie unterwarfen ihre Industrien einer ausgeklügelten Planung, um sicher zu sein, dass genug Proviant, Munition und Waffen vorhanden waren. Das war in Großbritannien, dem Mutterland des Kapitalismus, nicht anders als in der Sowjetunion. Sogar Hayek erkannte das an: „Es geht dabei nicht um die Frage, ob geplant werden soll oder nicht.“ Ihn interessierte nur: Wer plant am besten?

Die schottischen Ökonomen Paul Cockshott und Allin Cottrell verwahrten sich bereits 1993 entschieden dagegen, das sowjetische Modell mit Planung per se zu verwechseln: „Es existieren alternative Planungsmethoden, die sowohl technisch machbar sind und potenziell effizient und fair sind.“ Den Sowjets habe es damals schlicht an der nötigen Computertechnik gefehlt.

Der erste, der in diese Richtung dachte, war der polnische Ökonom Oskar Lange. Er entwickelte bereits in 1930er Jahren das Konzept eines Marktsozialismus. „Man könnte Märkte als besondere Computer betrachten, die dazu dienen, ein System simultaner Gleichungen zu lösen“, schrieb er später. Dann müsste sich die Prozedur auch umdrehen lassen: Mit denselben Gleichungen, die in der neoklassischen Volkswirtschaftslehre bereits Jahrzehnte in Gebrauch waren, wollte er Märkte simulieren. Für Produkte und Rohstoffe nahm er „Schattenpreise“ an. Auf diese Weise wollte er ausschließen, dass manche Produkte zu häufig hergestellt werden und Ladenhüter bleiben, während andere Dinge knapp sind. 1939 entwickelte der russische Mathematiker Leonid Kantorowitsch das Verfahren der „linearen Programmierung“ . Mit deren Hilfe ließ sich etwa herausfinden, wie Maschinen in einer Fabrik so effektiv eingesetzt werden, dass alle zusammen den maximalen Output haben. Dieses Verfahren wurde später von westlichen Unternehmen aufgegriffen, um eine optimale Produktion zu planen.

Berechnungen sind aber nur so gut wie die Daten, die in sie einfließen. Von Echtzeit-Daten konnten Verfechter einer Wirtschaftsplanung lange Zeit nur träumen. Der erste Versuch, sie zu erheben, war das Projekt „Cybersyn„. Dem britischen Kybernetiker Stafford Beer war es 1971 gelungen, Chiles Präsident Salvador Allende von dem Experiement zu überzeugen. Er ließ in Dutzenden Fabriken Telexe installieren, die täglich Produktionsdaten an die Zentrale in der Hauptstadt schickten. Techniker gaben die Daten dann in einen Großrechner vom Typ IBM 360/50 ein, auf dem eine Software namens „Cyberstride“ diese analysierte. So sollten Störungen im Produktionsablauf erkannt werden, um Gegenmaßnahmen einzuleiten. Im März 1972 produzierte der Computer seinen ersten Bericht. Im Oktober 1972 zeigte sich erstmals das Potenzial des Systems. 40.000 streikende Lastwagenfahrer drohten das Land lahmzulegen. Anhand der per Telex eintreffenden Daten organisierte man 200 loyale Lastwagenfahrer, die den Transport aller lebenswichtigen Güter sicherstellten. Die Krise konnte abgewendet werden. Auf dem Höhepunkt des Experiments war ein Viertel der verstaatlichten Industrie Chiles an das System angeschlossen, und der „British Observer“ in London titelte am 7. Januar 1973: „Chile, gesteuert von einem Computer“. Der Putsch gegen Allende im September 1973 beendete das Experiment abrupt.

Ein halbes Jahrhundert später sind mächtige Algorithmen und Echtzeit-Datenmassen Wirklichkeit geworden. Wie man damit im großen Stil plant, zeigt ausgerechnet der US-Konzern Walmart. Mit 611 Milliarden Dollar Umsatz war seine Wirtschaftskraft 2023 etwas größer als die von Schweden. Walmart setzt Methoden der Künstlichen Intelligenz ein, um akribisch und effizient zu planen, wieviel Gemüse, Getränke, Klorollen und hunderttausende anderer Waren in welcher Filiale in welcher Menge vorrätig sein müssen. Rund um die Uhr erstellen neuronale Netze Prognosen für die Nachfrage nach den Artikeln, berechnet aus dem bisherigen Kaufverhalten der Kunden. Auf deren Grundlage bekommen Hersteller und Lieferanten Anweisungen, was Walmart wo braucht. Der Konzern weiß genau, was seine Kunden lieben und kaufen – ein sowjetischer Planungsbürokrat hätte Tränen in den Augen, wenn er zu Lebzeiten von diesen Möglichkeiten gewusst hätte. Die britischen Journalisten Leigh Phillips und Michal Rozworski nennen den Einzelhändler denn auch scherzhaft „Volksrepublik Walmart“ in ihrem gleichnamigen Buch.

Die traditionsreiche US-Kaufhauskette Sears, Roebuck & Company versuchte es mit einer anderen Art der Modernisierung. Die orientierte sich offenbar an Friedrich August Hayek: 2013 unterteilte der neue CEO Edward Lampert den Konzern in 30 Einheiten, die fortan auf einem konzerninternen Markt um Ressourcen konkurrieren mussten. „Wenn die Hausgeräte-Einheit Dienste der IT- oder der Personaleinheit in Anspruch nehmen wollte, musste sie mit denen einen Vertrag abschließen“, schreiben Phillips und Rozworski, „oder sie schlossen Verträge mit externen Dienstleistern – unabhängig davon, ob das die Leistung des Konzerns verbesserte oder nicht.“ Es entstand eine Kultur ausufernden Misstrauens zwischen den Einheiten und maximales Missmanagement. 2018 musste Sears Bankrott anmelden.

So wie Walmart weiß auch der Online-Gigant Amazon dank KI alles über seine Kunden und ihre Bedürfnisse. Das hat den chilenischen Ökonomen Daniel Saros zu einem Modell für eine modernisierte Planwirtschaft inspiriert: den General Catalog. Verbraucher registrieren sich im General Catalog und vergeben dann über einen bestimmten Zeitraum für Produkte Nützlichkeitspunkte. Die werden an die Herstellerfirmen weitergeleitet, die dann Zeit bekommen, sich um Rohstoffe und Einzelteile zu kümmern. Schließlich erfolgt die Zustellung. Verbraucher können Bonuspunkte in ihrer Bewertung bekommen, wenn sie nicht mehr Produkte abnehmen, als sie an Nützlichkeitspunkten vergeben haben. Saros‘ Konzept ist auch als „Amazon-Sozialismus“ bezeichnet worden.

Anders als bei der „Volksrepublik Walmart“ soll die Planung bei Saros‘ General Catalog demokratisch sein. Die Unternehmen selbst werden von Arbeiterräten verwaltet, und eine wissenschaftlicher Aufsichtsrat wacht darüber, dass das ganze System nicht über seine Verhältnisse lebt und Raubbau an Ressourcen betreibt. Denn, das betonen alle neuen Theoretiker einer Planwirtschaft 2.0, der Fehler der Sowjetunion war ihre autoritäre Führung und das Reinreden von Bürokraten in die Abläufe von Betrieben. Eine Planwirtschaft muss im 21. Jahrhundert der Demokratie verpflichtet sein.

Wie Verfahren der künstlichen Intelligenz und Echtzeit-Daten eine ganze Wirtschaft lenken könnten, hat der Informatiker Spiridon Samothrakis im vergangenen Jahr in einem Paper skizziert. Er setzt dabei auf das sogenannte Reinforcement Learning, in dem die Konsumenten – er spricht von Produktnutzern – in endlosen Feedback-Schleifen dafür sorgen, dass sinnvolle Produkte in guter Qualität hergestellt werden. „Formal betreiben wir dann keine Planung“, schreibt Samothrakis. „Wir kommen zu einem Modell, in der schrittweise eine ’soziale‘ Fabrik entsteht.“ Eine Gesellschaft aus vielen unabhängigen Produzenten, kurzen Lieferketten und viel mehr lokaler Produktion, als dies im globalisierten Kapitalismus der Gegenwart der Fall ist. Anders als im Amazon-Sozialismus von Saros gibt es keine Arbeiterräte. Bestehende Institutionen wie Ethikräte oder Verbraucherschützer sind in das KI-Modell mit eingebunden, ihre Daten fließen ebenfalls in das Reinforcement Learning ein.

Derartige Konzepte mögen dann doch noch nach Sciencefiction klingen. Aber, wie Phillips und Rozworski betonen: „Planung ist bereits überall.“ Bisher diene sie jedoch einem irrationalen System von Märkten, die von Profit angetrieben sind. „Planung funktioniert, nur noch nicht für uns.“