Intro

Der Neoliberalismus steht nackt da. Das Coronavirus hat ihm den imperialen Purpur-Umhang heruntergerissen, den bis zuletzt viele immer noch zu sehen glaubten. Einen Umhang, der vorgab, für ökonomische Effizienz, für solide Finanzpolitik, für einen schlanken Staat, für die Wirksamkeit des Trickle-Down-Effekts zu stehen. All das waren schon immer haltlose Behauptungen, wie sich jetzt nicht mehr leugnen lässt.

Denn geleugnet haben es viele. Sie haben den Behauptungen der Business Schools und der politischen Eliten geglaubt, auch dann noch, als der Crash von 2007/2008 sie widerlegte. Bis nun Statistik um Statistik reinratterte, die diese Behauptungen als Fake News entlarvten.

Innerhalb weniger Wochen hat die Politik in zahlreichen Ländern etliche No-Gos umgesetzt. Die schwarze Null, die Schuldenbremse – kassiert. Die Unantastbarkeit der Mieten – kassiert. Die Relevanz der klassischen  Industriezweige – kassiert. Wogegen die Fridays-for-Future-Jugend 2019 gestreikt und demonstriert hatte, was ihr jedoch mit jovialem Lächeln als „alternativlos“ beschieden wurde, ist plötzlich möglich.

«Rettungspakete» von 15 000 Milliarden Dollar aus öffentlichem Geld haben die letzten Illusionen zerrissen. Ist die neoliberale Variante des Kapitalismus also am Ende? Oder gar das Wirtschafts- und Gesellschaftssystem Kapitalismus? Bricht nun das Zeitalter zunehmender Vergesellschaftung an? Wir sind skeptisch.

Denn neben den No-Gos, die die politische Linke vergeblich zu beseitigen suchte, sind auch No-Gos gefallen, die die politische Rechte schleifen wollte. Die Grenzen innerhalb von Europa sind wieder geschlossen. Die Migration ist zum Erliegen gekommen. Flüchtlinge lässt Europa im Mittelmeer krepieren. Die Grundrechte, einst der Stolz der europäischen Nachkriegsordnung, sind in Teilen aufgehoben. Die Parlamente tagen unregelmäßig oder, wie in Ungarn, gar nicht mehr. Der Angriff auf die sozialen Rechte und Errungenschaften ist angelaufen. Die Sicherheitsapparate werden gerade massiv aufgerüstet.

Die Corona-Pandemie hat den Gang der Geschichte kurzerhand auf Turbo gestellt. Was noch vor zwei Monaten wie eine Zuspitzung der Grossen Krise aussah, die im Laufe der neuen Zwanziger Jahre eintreten könnte, ist innerhalb weniger  Wochen Realität geworden. Fast Forward hin zu einer historischen Gabelung, an der sich der weitere Verlauf mindestens der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts entscheiden wird.

Ob das in eine neue Form von autoritärem Kapitalismus mündet, ist noch nicht ausgemacht. Sollte es nach rechts gehen, wofür einiges spricht, ist auch dies nicht das Ende der Geschichte. Denn schon vor der Corona-Krise ist die Welt in eine Phase eingetreten, die wir Transkapitalismus nennen. Trans wie Transit: ein Übergang aus dem kapitalistischen Zeitalter in ein neues, dessen Umrisse wir nur erahnen können. Niemand weiß, wie lange dieser Transit dauern wird. Klar aber ist: Inmitten des globalen Kapitalismus sind Ideen und Praxen entstanden, die aus ihm hinausweisen und den Menschen echte Freiheit, Gleichheit und Solidarität schenken sollen.

Vorerst sind diese Ideen und Praxen noch in Nischen zu bestaunen, die etwas anrührend Naives haben im Angesicht der brutalen Regeln, mit denen der Kapitalismus die Gesellschaften in die Disziplin zwingt. Ob diese Ideen und Praxen gedeihen und eines Tages die Gesellschaft als Ganzes durchdringen und neu formen, als eine Assoziation freier Menschen, werden wir sehen. Wir halten es für möglich.

Warum? Weil sich die Zumutungen und Brüche des Kapitalismus seit 2008 breiter herumgesprochen haben. Weil die ökologischen und sozialen Verwerfungen nicht mehr wegzureden sind. Und weil sich das System, wie in jeder Krise, ohnehin neu aufstellen muss. In diesem Übergang ist es instabil. Das öffnet, zumindest für ein paar Monate, neue Möglichkeiten. Um diese Möglichkeiten geht es auf dieser Seite.