Intro

Warum warten? In der indischen Hauptstadt New Delhi sprach Yves Daccord, Direktor des Internationalen Roten Kreuzes, kürzlich über Hungersnöte – in Europa. Zehn Millionen EuropäerInnen würden heute nur noch dank Lebensmittelspenden überleben. Der Kapitalismus erfüllt tatsächlich alle Verheißungen, sogar die Marx’sche, am Ende alle Menschen mit Elend zu überziehen.

Eigentlich ist über den Kapitalismus alles gesagt. Nicht alle verstehen, wie er wirklich funktioniert. Aber immer mehr wissen, dass sie nicht mehr unter ihm arbeiten und leben wollen. In ungezählten Lesegruppen wird Marx wiederentdeckt, Haugs Hightech-Kapitalismus gelesen oder Castels Metamorphosen der Sozialen Frage, Altvaters Vermessung der Utopie und vor allem David Graebers Schulden. Sogar seine eifrigsten Verfechter, die liberalen Ökonomen, fallen reihenweise vom rechten Glauben ab. Im Jahr 6 der Krise gehen dem Kapitalismus die Anhänger aus. Das ist die gute Nachricht.

Die schlechte: Viele seiner Kritiker warten auf den Zusammenbruch – selbst Robert Kurz, einer der klügsten Kritiker, sah eine „immanente Grenze“ erreicht, hinter der ein Zusammenbruch unausweichlich sei. Warum sollte der Kapitalismus zusammenbrechen? Klar, er ist unproduktiv geworden und verfrisst nur noch die Substanz. Er plündert und marodiert und kannibalisiert sich selbst. Aber Scheintote leben länger. Weltsysteme brechen nicht einfach zusammen. Da muss man schon Hand anlegen.

Andere Kritiker warten auf den Großen Abend. Auf den Augenblick, in dem die Massen die Fabriken und Büroetagen übernehmen, die Ämter leerfegen, auf dass am nächsten Morgen alles besser werde. Gerechter. Friedlicher. Demokratischer. Grosse Abende geschehen hin und wieder. Das strahlende Neue, die Freiheit, das selbstbestimmte Geschick aber haben sie nicht hervorgebracht.

Die Wahrheit ist: Nicht einmal die Kritiker glauben konkret, dass sie den Kapitalismus tatsächlich überwinden können. Vermutlich ist dies seine größte Leistung. Er hat sich in unseren Köpfen als zwangsläufiger und natürlicher Zustand eingerichtet. Als Ende der Geschichte. Logisch, er organisiert ja nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unser Begehren.

Das ist der Punkt: Kann man, kann man nicht? Wir können. Am Kapitalismus ist nichts zwangsläufig. Er hat 500 Jahre technische Verfeinerung, Kriege und alltägliche Unterwerfung gebraucht, um sich bis in die letzten Winkel durchzusetzen. Eines aber konnte er nie beseitigen: unsere elementare Freiheit, die Verhältnisse zwischen den Menschen neu zu ordnen. Im Gegenteil: Heute setzt der Kapitalismus seine Abschaffung selbst zuoberst auf die Agenda. Es wäre Wahnsinn zu warten.

Wir können ihn brechen. Nur müssen wir diesmal gewitzter sein. Viel gewitzter. Wir nennen diese Methode Transkapitalismus. Warum „trans“? Durch den Kapitalismus hindurch, über ihn hinweg. Im Kern geht es darum, die Alternative vor dem hypothetischen Großen Abend zu bauen. Tausendfach, überall. Das Leben ist jetzt. Im Kapitalismus 2013 gibt es kein Außen mehr. Nicht auf der Alp, nicht auf der Insel im Golf von Thailand. Der Kapitalismus schließt alles ein. Aber es gibt ein richtigeres Leben im falschen – und es wird von Millionen Menschen bereits ausgetestet.

Ihnen leuchtet die Vorstellung, das Privateigentum sei das Maß aller Dinge, nicht ein. Mehr noch, sie ignorieren es einfach. „Commons“ heißt ihre Losung: ein Eigentum, das weder einem Einzelnen noch dem Staat gehört, sondern vielen, die es gemeinsam nutzen. In den agrarischen Jahrhunderten vor der Industrialisierung waren die Commons als Gemeindeweide, als Allmende, als gemeinsame oder ausgetauschte Arbeit, eine Selbstverständlichkeit. Der Kapitalismus privatisierte sie weg, jetzt aber kehren sie in neuer Gestalt zurück: als Enzyklopädien gesammelten Wissens, als Software, als Saatgut, als Kooperation. Sie als Commons zu fassen, ist ein Leichtes, denn wenn man sie teilt, werden sie nicht aufgezehrt.

Vorsichtig breitet sich der Commons-Gedanke auch in neue Gefilde aus. Wohnraum soll nicht länger eine knappe Ressource in den Städten sein, die an den Meistbietenden verscherbelt wird, sagen die Commons-Verfechter. Sie gründen Syndikate und Genossenschaften, um die Ware Wohnraum dem Markt zu entziehen und zu Gemeineigentum zu machen. Auf die Kommune, den Staat geben sie keinen Pfifferling mehr. Zu offensichtlich hat der sich am Elend der Privatisierung, an der Vertreibung von Menschen an die Ränder der Städte beteiligt.

Auch die Produktionsmittel sind dran, jener Pfeiler, auf dem der Kapitalismus seinen 200 Jahre währenden Akkumulations-Run gründete. Marx & Engels hatten recht, wenn sie sagten, dass die Produktionsmittel aus dem Privateigentum herausgerissen werden müssten, um den Kapitalismus zu überwinden. Während die Versuche des 20. Jahrhunderts, sie dem Staat zu überantworten, grandios scheiterten, bildete sich ausgerechnet im Hightech-Kapitalismus die Grundlage dafür, sie als Commons zu betreiben. Seine zentralen Güter sind Daten und Dienstleistungen. Ihr Produktionsmittel: Software. Es waren einige Verrückte – gemessen an kapitalistischer Logik –, die anfingen, sie nach gemeinsamer Entwicklung mit anderen zu teilen, zu verschenken.

Inzwischen können mit dieser „verschenkten“, freien Software sämtliche Operationen der digitalen Welt bewältigt werden. Nun folgt die Hardware. Wie Pilze schießen die Projekte aus dem Boden, die Maschinen von allen, für alle konstruieren. Vom Spritzguss zum Controller-Board, vom Handy zum Traktor – es gibt kaum eine Technologie, die die Graswurzelbewegung der offenen Hardware nicht anpacken würde, um sie den Commons der Produktionsmittel hinzuzufügen. Wir produzieren selber, und wir tun es nicht für den Markt, ruft diese Bewegung aus. Was sie hervorbringt, sieht oft noch ziemlich krakelig aus. Entscheidend ist aber, dass sie mit dem Glaubenssatz des Neoliberalismus bricht, den auch die sozialdemokratische Linke betete: Die Produktion der physischen Dinge sei nebensächlich, was zähle, seien Dienstleistungen. Die bunte Warenwelt des Alltags wird meist anderswo produziert, in Billiglohnländern. Deren Ausbeutung ist das Fundament der schönen neuen Dienstleistungsgesellschaft, die Wohlstand versprach, tatsächlich aber ein Heer von Tagelöhnern hervorgebracht hat. Wenn es denn noch zum Tagelöhner reicht. In Spanien, Griechenland und Portugal und bald auch in Italien reicht es nicht einmal mehr dazu.

Damit verliert auch die Lohnarbeit ihren Nimbus als ungeliebte, aber kaum zu hintergehende Notwendigkeit. Mit einmal wird über die unbezahlte, aber notwendige Arbeit – Care-Ökonomie – diskutiert. Sogar über das Ende der Lohnarbeit. Das touchiert den Kern kapitalistischen Wirtschaftens, Lohn und Mehrwert und alle Fetische, die diese Mechanik sichern.

Offensichtlich wird mit der Krise des Kapitalismus auch die Krise der bürgerlichen Demokratie. Sie wollte die Bürgerinnen und Bürgern glauben machen, sie seien der Souverän. Dass sie es nicht sind, dämmerte ihnen schon länger. Die Postdemokratie der letzten Jahre, mit ihren informellen Netzwerken aus Parteien und Unternehmen an der Spitze des Staates, geschützt durch Medienmacht, hat die Idee der Repräsentation Lügen gestraft. Dagegen formiert sich auf den Plätzen der Städte eine noch wilde, neue Demokratie, die vom Zapatismus und von der Global Justice Bewegung gegen IWF, G8 etc. Anfang der nuller Jahre gelernt hat. Ob Indignados, Occupy oder Stadtbewegungen: Sie alle setzen die Versammlung der Vielen gegen das Parlament der Wenigen. Der Mensch entdeckt sich als politisches Subjekt neu. Er nimmt die Delegation der Macht zurück. Keine Hierarchien, keine Repräsentanten, keine Kraftsprache, hallt es von den Plätzen. Als ob Agnolis Forderung, dass „die Vernunft auf der Straße in Permanenz tagt“, sich als Mem in den Köpfen festgesetzt habe.

Noch sind diese Bewegungen, die wider die Logik des Kapitalismus agieren, ein Flickenteppich. Auf ihnen lastet der Verdacht, den Antonio Gramsci, Mitbegründer der italienischen KP, als Vorwurf des «Subversivismus» formuliert hat. Praktisch zeigt sich das darin, dass manche Bewegungen schnell wachsen und noch schneller zerfallen, in den Mühen des kapitalistischen Alltags, ohne für den Kapitalismus mehr zu sein als eine lästige Episode. Nur: Gramsci konnte sich als Leninist kaum vorstellen, dass andere Bewegungen neue Formen der Verstetigung finden, etwa durch Vernetzung und personelle Überschneidungen. Die direkte Konfrontation suchen sie nur punktuell. Sie haben aus der Geschichte gelernt. Und sie verstehen: Wie punktuell ihr Thema auch ist, so müssen sich doch hinter dem Kleinen das Ganze sichtbar machen, das ganze System und das Ganze in ihrem Widerstand.

Was wir Transkapitalismus nennen, ist nicht nur Methode, sondern auch Programm, wenn uns klar wird, dass jede dieser Bewegungen fünf essentielle Fragen neu beantwortet. Die Frage nach der Demokratie: Wer soll entscheiden? Die Frage nach dem Eigentum: Wem soll etwas gehören? Die Frage nach dem Ursprung der Dinge: Wie soll produziert werden? Die Frage nach der Verteilung: Wie kommen wir in den Genuss der Früchte der Produktion? Die Frage nach dem Wissen: Wer hat das Knowhow? Dass der Kapitalismus die einzig sinnvollen Antworten darauf geben kann, wie es nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus hieß, dieser Glaube ist erschüttert. Der Transkapitalismus entsteht aus den neuen Antworten, muss aus ihnen entwickelt werden.

Das geht da, wo Spielräume sind. Mit Eigensinn, Beharrlichkeit und Subversion drängen die Gegenbewegungen hinein, richten sich ein und ersetzen mit John Holloway die „Power-over“ – die Macht über Menschen – durch eine „Power-to“, die Macht, selbst tätig zu sein. Ob der Transkapitalismus sich verstetigen kann, hängt auch von den Kampfzonen ab, in denen wir uns einer mal staatlich organisierten, mal informell ausgeübten Macht gegenüber sehen. Deren subtilste und doch wirksamste Waffe ist das bürgerliche Recht, dass zuerst die Freiheit des Kapitals sichern soll. Auf jeder Ebene: in der Stadt, wenn öffentlicher Raum per Gesetz in Privatgelände mit eigenen Wachdiensten umgewandelt wird; im Land, wenn das Militär per Gesetz die Erlaubnis bekommt, im Inland gegen „Feinde der Ordnung“ tätig zu werden; weltweit, wenn internationale Verträge Länder zwingen, sich auf Gedeih und Verderb der globalen Konkurrenz auszusetzen.

Doch wir haben nichts zu verlieren als unsere Angststarre. Zu gewinnen hingegen viel. Wir leben in historisch ungeahnten Möglichkeiten. Darum: Wir gehen nicht frontal auf den Kapitalismus los, sondern bewegen uns transversal, manchmal schlendernd, manchmal in Sprüngen. Unberechenbar. Immer drin, koppeln wir uns ab. Wir entreißen ihm Parzellen, sichern sie und binden sie zusammen. Im Quartier, in der Arbeitswelt, im öffentlichen Leben. Wir machen die Möglichkeit zu konkretem Leben.

Transkapitalismus ist also zuallererst eine Praxis. Mit jeder Tat holen wir uns ein Stück Autonomie, ein Stück Wissen und etwas mehr vom guten Leben.

Der kommende Aufstand hat längst begonnen.

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