Der Elefant im Raum der Klimadebatte

Überlegungen zu Klima, Kapitalismus, Rebellion #1

Der Klimawandel ist nicht das Problem. Er ist das Symptom. Das Problem heißt: Kapitalismus.

Auf den gegenwärtigen Klimademonstrationen ist davon wenig bis gar nichts zu lesen. Allenfalls wird auf Transparenten „System Change“ gefordert. Das System wird indes nicht klar benannt. Der Kapitalismus ist der Elefant im Raum, über den offenbar nach wie vor kaum jemand sprechen möchte.

Sprechen wir also darüber: Ohne den Industriekapitalismus wäre die CO2-Konzentration in der Atmosphäre seit Mitte des 18. Jahrhunderts nicht von ca. 280 parts per million auf jetzt 415 parts per million (Mai 2019) angestiegen, die höchste seit 14 Millionen Jahren.

Dafür gibt es zwei Gründe: erstens ein fossiles Energiesystem, das es so vor dem 19. Jahrhundert nicht gegeben hat, und zweitens eine maschinengetriebene Warenproduktion zum Zwecke der Kapitalakkumulation, die es so zuvor auch nicht gegeben hat. Man kann letzteres marxistisch finden. Manchen Leuten mag es gar „zu“ marxistisch sein. Hilft aber nichts. Beide Gründe sind miteinander verschränkt.

Bis zum 18. Jahrhundert wurden fossile Energiequellen so gut wie gar nicht genutzt. Neben Wind, Wasser und Muskelkraft (tierische und menschliche) gab es Holzkohle, die für die stetig wachsende Stahlproduktion nötig war. Holzkohle trug zwar nicht zur Erhöhung des CO2-Gehalts bei, weil das freigesetzte CO2 zuvor von Bäumen aus der Atmosphäre aufgenommen worden war. Aber ihre Herstellung hatte bereits dramatische Folgen für die Umwelt: Abholzung und Verkarstung von Landschaften. Das Römische Reich rodete in der Antike schätzungsweise 25 Millionen Hektar (das entspricht ungefähr der Fläche der alten West-BRD) – das Ergebnis sind die kargen Landschaften rund ums Mittelmeer. Das ist bereits ein erster Hinweis darauf, dass auch eine CO2-neutrale Energiegewinnung verheerende Folgen für Landschaften haben    kann. Die Briten begannen Anfang des 18. Jahrhunderts als erste, die prinzipiell seit der Antike bekannte Steinkohle zu fördern, weil die Holzkohle knapp und zu teuer geworden war. Für den Bergbau waren neue Maschinen nötig, der Kohlebergbau förderte also die Maschinentechnik – unter anderem kam die Dampfmaschine dabei heraus.

Die maschinengetriebene Warenproduktion wiederum ist bereits in ihrer Anfangszeit, also in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, keine Produktion, die einfach nur auf die effizientere Befriedigung von Bedürfnissen abzielt. Die Ware ist mindestens immer auch ein Mittel, möglichst viel Gewinn zu machen, und damit ein Mittel zur    Kapitalakkumulation, die bereits 300 Jahre vorher allmählich in Gang gekommen war. Das funktioniert aber nur über Masse.

Ein eher kurioses, aber anschauliches Beispiel dazu: die Produktion von Schrauben. Bis ins 18. Jahrhundert wurden Schrauben gegossen und ihre Gewinde von Hand gefeilt, und es gab über Jahrhunderte auch keine nennenswerte Nachfrage nach Schrauben. 1776 eröffneten die Gebrüder Job und William Wyatt die erste Schraubenfabrik, nachdem in den westeuropäischen Metropolen Schrauben zur Befestigung von Türangeln in Mode gekommen waren. Der Output der Anlage lag bald bei 16.000 Schrauben pro Tag oder 1333 pro Stunden bei einem angenommenen 12-Stunden-Tag. Dazu hätte man 300, 400 sehr geübte und ausdauernde Handarbeiter gebraucht. Die Fabrik brauchte nur 30 Angestellte. Die Wyatts gingen zwar pleite, wohl weil die Nachfrage noch nicht schnell genug stieg (erst ihre Nachfolger hatten Erfolg).

Aber es kommt auf das Prinzip an: Ein Maschinenpark spuckt ein Masse an Gegenständen, also Waren, aus, je mehr, desto billiger (bis zu den „Grenzkosten“) und dafür ist reichlich Antriebsenergie nötig. Die wird erst aus Steinkohle, später aus Erdöl gewonnen.

Die vorherigen Energieformen waren für eine solche Produktion nicht skalierbar. Windmühlen beispielsweise hatten sich im Mittelalter in Europa als wichtige Energiequelle etabliert. Bis 1800 blieb es aber bei einem Verhältnis von einer Windmühle pro 250 Einwohner. Das ist angesichts der Bevölkerungszunahme ein lineares Wachstum, aber kein exponentielles, wie es für die kapitalistische Produktion kennzeichnend ist.

Nun produziert im Kapitalismus niemand in Masse einfach so vor sich hin. Was die Produktion ausweitet und einen Zwang zur Kapitalakkumulation erzeugt, ist die Konkurrenz. Das wird nicht einmal von nüchternen nicht-marxistischen Ökonomen bestritten. Im übrigen gilt das nicht nur für die materielle Produktion, sondern auch für Dienstleistungen (die werden selbstverständlich nicht nur mit menschlicher Energie erbracht).

Die Konsequenzen nach etwa 250 Jahren dieses Prozesses beschränken sich leider nicht auf einen gestiegenen CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Sie umfassen auch soziale Ungleichheit, entfremdete Arbeit, Ausbeutung von Menschen, Armut und Angststörungen, Rassismus, zerstörte Landschaften, degradierte Böden, Abfallberge, schwindende Biodiversität.

Das bedeutet: Den CO2-Ausstoß des kapitalistischen Weltsystems bis 2050 auf null zu reduzieren, mag zwar gerade noch eine kritische Erwärmung der Atmosphäre zu verhindern, so dass Kipppunkte möglicherweise doch nicht überschritten werden. Aber wenn der kapitalistische Prozess sonst gleichbleibt, wenn also „ceteris paribus“ gilt und nur die Energiequelle global gegen eine CO2-neutrale ausgetauscht wird, spitzen sich die sozialen und anderen ökologischen Konsequenzen dieses exponentiellen Prozesses, spitzt sich die Verelendung von Menschen und Ökosystemen weiter zu.

Vielleicht wird das bei „Fridays for Future“ und „Extinction Rebellion“ bereits implizit mitgedacht. Vielleicht aber auch nicht. Es müsste auf jeden Fall mitgedacht und irgendwann auch ausgesprochen werden.

Denn wenn es schon zur Rebellion kommen soll, dann bitte auch die Axt an die Wurzeln legen und nicht nur die Äste abschneiden.

(nbo, Dez. 2019)